Schlagwort-Archiv: Palliativmedizin

palliativmedizin

Palliative Medizin von Forschung vernachlässigt?

„Wie lindert man Atemnot, Schmerzen, Halluzinationen? Zu möglichen Therapien für Sterbende gibt es derzeit noch wenig wissenschaftliche Evidenz.“, so schreibt die FAZ in ihrem Artikel über Palliativmedizin am 11.5.2014.

Ich nehme diesen Artikel als Anlass, mir Gedanken zu machen über die Philosophie der Palliativmedizin und der Medizin als Wissenschaft.

Leben verlängern, Gesundheit wieder herstellen, vielleicht sogar Krankheiten vorzubeugen, wie es die eigentliche ärztliche Aufgabe ist, sozusagen die klassische Einstellung der Mediziner, hat die palliative Medizin aufgegeben, sonst würde man sie nicht palliativ nennen.

medizin-am-lebensendeDie kurze Recherche im Lexikon der Internetgeneration, Wikipedia, ergibt eine Erklärung des Begriffs als „Palliation (Linderung, aus lat. ‚pallium‘ (Mantel) bzw. ‚palliare‘ (mit einem Mantel umhüllen, verbergen)) bezeichnet allgemein eine medizinische Maßnahme, deren primäres Ziel nicht der Erhalt (Prophylaxe), die Genesung (Heilung) oder die Wiederherstellung (Rehabilitation) der normalen Körperfunktion, sondern deren bestmögliche Anpassung an die gegebenen physiologischen und psychologischen Verhältnisse ist, ohne gegen den zugrundeliegenden Defekt oder die zugrundeliegende Erkrankung selbst zu wirken.“

Aus dieser Definition heraus wird auch verständlich, warum die Medizin, wie die Autorin des Artikels beklagt, wenig Resourcen für die Palliativmedizin zur Verfügung stellt – sie erfüllt einfach nicht den Anspruch einer engagierten Arzttätigkeit.

Meist, aber nicht immer handelt es sich um Maßnahmen, am Lebensende. Palliativmedizin wird jedoch auch angewendet in den Fällen chronischer Erkrankungen, in denen keine wirksamen Heilmethoden bekannt sind – und das sind so gut wie alle chronischen Krankheiten.

Nehmen wir z.B. die Psoriasis, eine im allgemeinen nicht heilbare chronische Hautkrankheit. Kuren am Toten Meer, Salzwasseranwendungen, verschiedene Tinkturen, die örtlich angewendet werden, UVB Bestrahlungen, Vitamin D3 Gaben … all diese Maßnahmen sind palliativ, nicht heilend also.

Was jedoch medizinische Maßnahmen am Lebensende angeht, so bedauert die Autorin, dass für solche Maßnahmen nur selten ausreichende Evidenz im Sinne eines Erfolgsnachweises mittels klinischer Studien mit Kontrollgruppen vorliege. Sie bedauert, dass solche Studien erstens wenig finanzielle Unterstützung fänden und zweitens auch nur selten von Ethikkommissionen bewilligt würden. Folglich, so die Autorin, würden Sterbenden potentiell sinnvolle Maßnahmen vorenthalten, die Ihr Leiden vermindern helfen könnten, weil die behandelnden Ärzte nicht auf ausreichendes Datenmaterial zurückgreifen könnten, um lindernde Maßnahmen zu treffen.

Auf diese Art der Medizinkonzeption möchte ich kurz krititsch eingehen.

Wieso akzeptiert die Ärzteschaft eigentlich die Forderung, dass sich ihre Therapiemaßnahmen auf möglichst umfangreiches Datenmaterial stützen müsse? Hat nicht der Arzt aufgrund seines Erfahrungshintergrundes das Recht, Maßnahmen einzuleiten, die zwar bisher nicht in Doppelblindstudien geprüft wurden, jedoch seiner Erfahrung nach schlichtweg oft helfen?

Ein Beispiel einer recht gelungenen empirischen Vorgehensweise beim Thema Potenzstörungen fand ich z.B. vor Kurzem hier.

Im Interesse aller Patienten, und nicht nur der Sterbenden, hoffe ich doch sehr, dass diese Spezies der Ärzte, die nicht mehr auf ihren Erfahrungsschatz zurückgreift, sondern sich nur noch lesend ihre Meinung bildet, in der Minderheit ist.

Dringend erforderlich ist es meiner Meinung nach, dass eine Diskussion innerhalb der Ärzteschaft beginnt, mit dem Inhalt  medizintechnokratischen Tendenzen Einhalt zu gebieten. Medizin ist KEINE Wissenschaft, das wird nicht nur, aber auch beim Thema Palliativmedizin deutlich.